Ich nahm die Maske ab – und setzte eine viel gefährlichere auf

„Irgendwann müsst ihr wieder ein normales Leben führen!“, sagt meine beste Freundin Vero, die sich lange nicht zu unserem langjährig verlängerten Corona-Lockdown äußerte. „Anne, das könnt ihr so nicht durchziehen, dass sich Lara immer testen muss, bevor sie zu euch kommt.“ 

Unsere große Tochter zog während des Lock-Downs zu ihrem damaligen Freund, um sich unseren strengen Regeln zu entziehen. Ich war damals schwanger. Eine Schwangerschaft mit Komplikationen. Aufgrund meiner jahrzehntelangen Beschwerden, die von einigen speziell aufgesuchten Ärzten und mir als chronische Borreliose eingeordnet wurden, fühlte ich mich ggü. Corona vulnerabel. Vor allem schwanger. Im Hinblick auf einen schweren Verlauf.

Es ist schwer auszuhalten: Maske tragen, kaum Freunde sehen, keine Restaurantbesuche, keine Konzerte, keine Flugreisen, keine Babytreffs. Freunde um Tests bitten. Sie wie eine Bedrohung behandeln. 

Als unsere kleine Tochter 5 Monate alt wird, weichen wir unsere Regeln auf. Tragen Maske in der Öffentlichkeit und bei der Arbeit. Treffen uns ungetestet und unmaskiert mit Freunden. „Überall wo mich die Maske stört, setze ich sie jetzt ab!“, kündige ich Hannes an. Schneller als gedacht kommt es zu diesem Moment. Ich halte eine Rede auf der Abiturfeier, als Elternsprecherin der Klasse meiner Tochter. Eine überfüllte Aula. Fenster geschlossen. Hochzeit der neuen vermeintlich milden Corona-Variante. Meine Hände sind schweißgebadet, mein Herz klopft, mein Kopf wird heiß. Ich betrete mit Maske das Rednerpult. „Du musst das nicht tun!“, sagt mein Vertreter. „Du hättest auch ‚Nein‘ sagen dürfen.“ Ich will es tun. Ich habe den jungen Menschen so viel Gutes mitzugeben, nachdem ich als Kind schlechte Erfahrungen auf einem Elite-Gymnasium machte. Jetzt ist mein Moment. Ich fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt. Nicht als Gewinnerin über die von Leistungen gepeitschten Akademikerkinder, die uns Dorfkinder ausgrenzten und verspotteten. Sondern als Verliererin der ersten Runde, die es trotzdem geschafft hat. Und die etwas zu sagen hat. 

Ich spüre Ablehnung, die der Vergangenheit gehört, blicke in offene Gesichter. Vielleicht auch irritierte Gesichter. Wegen der Maske. In 2022. Die Luft bleibt mir weg. Ich möchte nicht die Verliererin von früher sein. Also lege ich die Maske ab und spreche über meine Aufregung hinweg. 

„Die Rede deiner Mutter war voll gut!“, sagt ein Klassenkamerad zu meiner Tochter. Und ich weiß, es hat sich gelohnt, komme was wolle.

Einige Tage später spüre ich einen dumpfen Schleier über meine Bronchien. „Das muss Corona sein!“, denke ich. Tatsächlich. Zwei Striche. Ich bin erleichtert. Denn ich sehe mein neues altes Leben zurückkehren. Ich werde immunisiert sein durch die milde Variante.

In der nächsten Zeit geht es mir schlechter. Spaziergänge fühlen sich an, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Ein unerträglicher Schwindel verfolgt mich von nun an. Bei einem Nähtreffen mit meinen Freundinnen stehe ich neben mir und verstehe die einfachsten Fragen nicht. Ich verdränge es. Buche Urlaub. Merke jedoch, dass sich die vermeintliche Borreliose verschlechtert. Der Gedanke an Myalgische Enzephalomyelitis kommt mir nach einer Doku von Hirschhausen in den Sinn. Ich schiebe es weit von mir weg. „Das ist es nicht“, rede ich mir ein. „Das trifft nur wenige.“ 

Mit dieser Verschlechterung versuche ich wie vorher einfach weiterzumachen. Die Symptome zu ignorieren. Alles genießen, solange es noch geht. Umso anstrengender alles wird, desto mehr arbeite ich dagegen an. Die FFP2 Maske legte ich ab. Um sie gegen die Maske der Selbsttäuschung auszutauschen. 

„Das passt irgendwie nicht mit uns!“, sagt eine Familie, die zu mir in die Praxis gekommen ist und geht. Das ist mir vorher nie passiert. Doch diesmal stand ich neben mir, konnte dem Gespräch schwer folgen. Fand keinen Zugang zu dem Kind. Lehnte mich zurück, als die Eltern stritten. Ohne einzugreifen. Um durchzuatmen. Es war zu viel. 

Doch ich mache weiter. Ich akzeptiere keine Schwäche an mir, kein Versagen. Und vor allem will ich mein Leben nicht aufgeben. Bis es zu spät ist. Bis ich nicht mehr diejenige bin, die diese Entscheidung trifft. 

Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Name und persönliche Details verändert. 

Wie es dann weiterging, kannst du in meinem Beitrag „Der Moment, in dem alles begann“ lesen.

Kennst du das Gefühl stärker sein zu wollen als du bist? Grenzen der Belastbarkeit zu ignorieren? Alles festhalten zu wollen und am Ende alles zu verlieren? Akzeptierst du deine gesundheitlichen Grenzen? 

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