Ich habe mich noch nie so ausgeliefert gefühlt…

Das Wasser ist heiß. Zu heiß. „Stell dich nicht so an!“, sagt Tanja, meine zweite private Pflegerin. Ich schweige, Diskussionen sind gefährlich für mich. Sie verlässt den Raum. Ich höre wie sie mit einem zerstörenden „Rumms!“ die Tür zuschlägt. Zu laut. Das Haus wackelt. Wir sind allein. Es bekommt keiner mit. Mein Herz klopf bis zum Hals. Sie kommt zurück, öffnet die Tür erneut und schlägt sie nochmal kräftig zu. 

Ich betätige den Klingelkopf. „Was kann ich für dich tun?“, fragt sie in einem gekünstelten Ton. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Nichts. Trotzdem atme ich durch. Aber schweige. Ich werde sie nicht darauf ansprechen. Vielleicht bleibt es dann nur eine Phase. 

Doch es geht weiter. Sie nimmt das Handtuch herunter, das das Licht der Stehlampe dämmt. „Ich sehe sonst nichts!“, zischt sie, als ich sie verzweifelt darauf anspreche. Ich verstehe nicht wieso sie Monate zuvor in der Dämmerung arbeiten konnte und es plötzlich nicht mehr geht. 

Wenig später habe ich Hunger und meine Hand greift nach der Klingel. Doch sie ist weg. Ich schiebe die Augenmaske hoch und sehe sie wieder ganz weit oben an der Pflegebettstange hängen. Ich komme nicht heran. Es ist nicht das erste Mal. Ein heißkalter Adrenalinstoß durchfährt meinen Körper. Der nächste Crash ist gesichert. Ich werde weiter abstürzen. Fühle mich hilflos. Ausgeliefert. Gedemütigt. Wie Sondermüll. Wertlos. 

Ich erinnere mich an das erste Zusammentreffen. „Hallo, ich bin Tanja!“, hörte ich sie mit einem leisen Kichern. Wegen meiner Augenmaske, die mich vor dem hellen Licht schützt sah ich nichts. Aber ich roch eine gepflegte, eher junge Dame, hörte eine unsichere, dünne Stimme und fühlte eine schlaffe, kalte Hand in meiner.

„Sie läuft heute mit mir mit und versorgt dich ab morgen vormittags!“, flüsterte Hannes. Gelernte Einzelhandelskauffrau. Alleinlebend. „Tanni“, nannten Hannes und seine Mutter sie schon am zweiten Tag. Eine merkwürdige Vertrautheit. Ich hörte sie zusammen lachen und wie sie meiner Schwiegermutter im Haushalt half. „Tita“, nannte sie meine große Tochter Laetitia wie sonst nur ihre kleine Schwester. Auch dort war Nähe entstanden. 

Nach einer kurzen Phase der Ambivalenz mochte ich sie. Ihre Art auf mich empathisch einzugehen, nonverbal zu kommunizieren, höflich nachzufragen, ob ich noch etwas brauchte. Ansonsten nicht zu sprechen. „Sie ist perfekt!“, sagte ich zu Hannes. 

Doch die Stimmung kippte, als Hannes nach den langen Ferien wieder arbeiten ging, meine Schwiegermutter vormittags lange Spaziergänge machte und Laetitias Semesterferien endeten. Tanja war mit mir allein im Haus. Wirkte verloren. Wie ein Kind, das von den Eltern zurückgelassen wurde. 

Hannes wird mir nicht glauben. Ich kann es ihm nicht erzählen. Die „tolle Tanni“. Er wird verzweifelt sein. Wir brauchen jemanden, wenn er arbeitet. Ich beschließe zu schweigen. Doch Hannes kennt mich noch immer. Ich weine. Erzähle alles. Wir sind doch noch ein Team. 

„Ich treffe mich mit Tanja, um die Kündigung persönlich zu besprechen!“, sagt Hannes einige Tage später. Mein Herz klopft. Mein Körper spannt sich an. Was ist, wenn sie sich herausredet und bleibt? Doch er kommt zurück, laut schnaubend und sichtlich angespannt. „Du hattest Recht. Sie ist völlig gestört.“ Mehr erzählt er nicht um mich zu schonen. Immer wieder schüttelt er den Kopf und deutet das Gespräch an. Ich atme auf. Sie wird nicht wiederkommen. 

Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Name und persönliche Details verändert. 

Hattet ihr selbst schon mal das Gefühl einer Person ausgeliefert zu sein? 😢

Wie würdet ihr mit so einer Situation umgehen? ❤️

Kennt ihr das Gefühl der Hilflosigkeit? 

Ich freue mich auf eure Kommentare ganz unten 👇🏼

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