Als ich mich von meiner Tochter verabschiedete

Triggerwarnung: Abschied/schwere Krankheit

Es wird nicht lange dauern, rede ich mir ein. Ein paar Wochen, vielleicht. Dann kann ich wieder aus dem Bett steigen. Einfach liegen, mich nicht bewegen, mich füttern und waschen lassen. Jede Bewegung, jedes gesprochene Wort – zu viel.

Hannes läuft rastlos im Schlafzimmer auf und ab, wie ein getriebenes Tier. Er atmet laut und angestrengt. „Das geht nicht! Ich muss irgendwann wieder arbeiten!“ Er schließt die Tür. Auch die Haustür höre ich zufallen. Stille.

Ich nehme mein Handy in die Hand. Sehe mein fahles Gesicht durch die Kamera und spreche zu meiner Tochter. Erkläre ihr, dass Mama krank ist und sich ausruhen muss. Dass sie erst einmal nicht zu mir kommen kann. Dass es nicht ihre Schuld ist. Dass bald alles wieder besser wird.

Hannes kommt zurück mit einem mit Wasser gefüllten Trinksack mit einem Schlauch dran. Ich trinke einen Schluck. „Dann muss ich nicht immer mit dem Glas kommen.“, sagt er. „Morgen stellt sich ein Pflegedienst vor!“. „Nur ein paar Wochen!“ will ich sagen, aber schweige.

Ich kämpfe. Gegen Hannes, der die laute Stille nicht erträgt und weinend immer wieder meine Nähe sucht. Gegen den Pflegedienst, der mich jedes Mal mit einer fremden Stimme überrascht und keine Zeit für meine Pausen hat. Gegen meine eigenen Impulse zu sprechen und zu streiten. Und stürze schließlich weiter ab. Wie in einen Brunnen ohne Boden. Ohne weiches Wasser, das einen auffängt.

„Ruf Dr. Kölber an!“, flehe ich Hannes an. Ich weine. Ich schreie. Blutwäsche. Ich brauche Hilfe. Viele Telefonate. Absagen und Optionen. Verzweiflung und Überforderung. Was ist richtig? Was ist falsch?
Ich falle weiter. Der Boden verschluckt mich. Endlos. Tief. Ohne Halt. Ich werde meine Tochter nie wieder sehen.

Sie weint im Nebenzimmer. „Magen-Darm-Infekt“, sagt Hannes. Hastige Schritte auf den Treppen.„Mama!“, höre ich sie rufen, als sie an meiner verschlossenen Tür vorbeigetragen wird. Ihre Stimme voller Erwartung. Es bricht mir das Herz. Papa und Oma sind da. Und ich? Ich verabschiede mich Stück für Stück. Leise. Auf unbestimmte Zeit. Kein gemeinsamer, kein einvernehmlicher Abschied.

Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Name und persönliche Details verändert.

Von wem oder was musstet ihr euch schon einmal verabschieden? Kennt ihr dieses Gefühl der Ohnmacht? Ich freue mich auf eure Kommentare ganz unten 👇🏼

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