Nur ein Frühling

Ki-generiertes Bild

Nur ein Frühling, denke ich und Tränen schießen mir in die Augen. Seit einigen Wochen kam ich nicht mehr sitzen, nicht mehr stehen, nicht mehr gehen, nur noch liegen. 

Ich ertrage keine Helligkeit und Geräusche, trage eine Schlafmaske trotz Dunkelheit. Alle müssen flüstern. Nur das Nötigste. 

Nur ein Frühling, denke ich und Bilder schießen mir in den Kopf von Frühblühern am Wegesrand in unserer Siedlung. Von den frischem Frühlingsduft, dem hellen Licht, der zarten Wärme, die den Sommer ankündigt.

„Hallo ich bin Maik“, flüstert er. Mein Bezugspfleger vom Pflegedienst. Er trägt keine Schuhe, auf meinen Wunsch. Hat sich belesen zu meiner Erkrankung. Will alles richtig machen. 

Nur ein Frühling denke ich. Doch die Verzweiflung wird lauter. Bald wird sie ausbrechen, denn auf den Frühling habe ich gewartet und nun ist er da und ich liege hier. Ich höre den Kuckuck vor meinem Fenster. Spüre die aufkeimende Lebensfreude – bei meinem Partner und bei Maik. 

Ich möchte die Fesseln um meinen Körper aufreißen, nach draußen gehen und leben. Doch das geht nicht. Der Frühling ist für alle – aber nicht für mich. 

Nur ein Frühling, dachte ich und jetzt wird es der vierte sein, den ich verpasse. Die Verzweiflung ist leiser geworden. Maik ist nicht mehr da. Und ich lebe in meiner eigenen kleinen Welt. 

Ohne Frühling. 

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