Als ich eine Spur nach draußen fand…

TW: Schwere Krankheit/Sterbehilfe

„Du hast Borreliose und brauchst Antibiotika!“, erklärt Hannes. Das Gespräch mit einer Borreliose-Spezialistin, die eine Antibiotika-Behandlung als Lösung für meine Myalgische Enzephalomyelitis vorschlägt, gibt ihm Sicherheit. Orientierung. Den Plan, den er so sehr braucht. „Nein, informiere dich bitte auf den Seiten der Charité über ME!“, widerspreche ich. Ich weine. Ich fühle mich hilflos, allein mit meinem neuen Wissen. Viele Antibiosen in der Vergangenheit haben an meinem Zustand nichts verändert.

Der Streit führt wenige Tage zu einer Symptomverstärkung. Ich werde unruhig, stimmungslabiler, der Puls steigt und ich kann nicht ruhen.

„Martin und Luisa kommen gleich mit Minna“, kündigt Hannes an. Luisa ist meine Freundin aus den früheren Mutti-Treffen. Das gibt mir einen Stich ins Herz. Das Leben geht weiter. Ohne mich. Ich sollte sie empfangen. Verzückt unseren Töchtern beim Spielen zusehen. Mit Luisa Kaffee trinken. Nun wird Hannes all das tun, was früher zu meinem Leben gehörte. Wie alt wird sie wohl sein, wenn ich hier wieder raus kann? Was werde ich alles verpassen? Ich weine, verweigere das Essen. Werfe schließlich meine Contenance über Bord. Reiße mir die Augenmaske runter. Setze mich auf. Und schreie: „Ich vermisse meine Tochter!“ Hannes guckt mich an. „Ich habe deine Augen so vermisst!“, sagt er. Er legt sich zu mir. Ich werde ruhiger. „Meinst du wirklich die Antibiotika-Therapie hilft mir?“, frage ich hoffnungsvoll. Wohl wissend, dass dem nicht so sein wird. Aber ich will es glauben. Will es hoffen. Wir reden. Sehr lange. Zu lange.

„Ich will sie sehen!“, sage ich schließlich und Hannes holt Lotte zu mir ins Zimmer. Sie lässt sich in meinen Arm fallen. Ich schluchze laut auf, weine schließlich ununterbrochen. Lotte schaut mich mit großen Augen an, dreht sich weg und klammert sich an ihren Vater. 

Die nächsten Tage empfange ich sie wieder, um ihr einen gefassteren Kontakt zu ermöglichen. Wir genießen die Zeit. Das Spiel mit ihrem Kuscheltier. Sie möchte nicht gehen. Am nächsten Tag klopft sie an die Tür: „Mama, Mama!“ Sie braucht mich. Ich verschließe die Augen vor dem was ich eigentlich weiß und lasse sie zu mir. Ein letztes Mal. „Das wird schon gutgehen!“, rede ich mir ein.

Einige Tage später wache ich mit lauten rauschenden und surrenden Ohrengeräuschen auf. Mein Körper vibriert und mein Puls steigt. Eine Implosion. Ich schlafe nicht mehr. Die nächsten Tage werden nicht besser. Schweißausbrüche, Schwindel und Adrenalinstöße bei jedem Gespräch mit Hannes.

„4 Tage“, stelle ich plötzlich fest. Es liegen im Schnitt 4 Tage zwischen Überlastung und Crash. Plötzlich kann ich mein linkes Bein nicht mehr anheben. Muskelschwäche. Sie breitet sich nun mit jedem weiteren Crash der letzten Überanstrengungen auf meinen ganzen Körper aus. Alles wird schwer.

„Ok, das war‘s!“, denke ich und bespreche mit Hannes meinen Plan „zu gehen“. Doch sobald ich an den Abschied von meinen Töchtern denke, beschließe ich weiterzukämpfen.

Und plötzlich ist da diese eine Spur. Wenn ich es schaffe, ruhig zu bleiben, mich nicht zu bewegen, nicht zu sprechen. Wie ein Fakir auf glühenden Kohlen. Vielleicht kann ich mich stabilisieren und verbessern. Ich liege regungslos und halte aus. Die Symptome, die Muskelschwäche, den Puls über 100 und die Angst, dass es nicht funktioniert. Nach einigen Tagen merke ich, wie der Puls langsam sinkt und ich ruhiger werde. Ich kann es schaffen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl die Kontrolle zurückgewinnen zu können. 

Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Name und persönliche Details verändert.

Wann hattet ihr das Gefühl zuletzt ein bisschen Kontrolle über euer Leben zurückzubekommen?

Wie war es bei euch, als ihr eure Baseline verstanden habt? 

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2 Antworten zu “Als ich eine Spur nach draußen fand…”

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