Er sagte, dass alles gut wird und verschwand

In mir tobt die allzu vertraute Endzeitstimmung. Meine Tage sind gezählt. Ich sehe keine Möglichkeit das Blatt zu wenden. 

„Ich habe eine gute Nachricht für dich!“, flüstert Hannes. „Ich habe einen Arzt gefunden. Über Telemedizin. Er sagt mit Antihistaminika-Behandlung kann sich dein Zustand dramatisch verbessern.“

Es ist wie eine Geburtstagsüberraschung. Seit Tagen weine ich mich durch die Dunkelheit. Jetzt blendet mich große Hoffnung wie ein Spotlight.

„Es wird wieder alles gut! Ich hole dich hier raus!“, flüstert Hannes und überzeugt mich. Wir weinen, halten uns in den Armen. „Silvester wirst du wieder mit uns feiern können!“ – „Versprochen?“ – „Versprochen!“ 

Ich sehe uns auf den belebten Straßen in unserem Stadtteil. Unsere kleinen Tochter im Buggy. Die Rauchschwaden wie tanzende Fragmente durch die Nacht. Entstanden durch die Silvesterknaller, die ich eigentlich so hasse. Und die Stille zwischen den Welten – alt und neu. 

Ich möchte an ihrem 2. Geburtstag wieder fit sein. Das nehme ich mir vor. Ihr erster Geburtstag war ganz besonders für mich. Vorbei das zauberschöne 1. Jahr. Familienfeier, zuckerfreier Kuchen, bunte Luftballons in Metallicfarben, ein „Happy Birthday“ – Schriftzug an der Wand. Und dann kam der Februar. 

Mit dem ersten Antihistaminikum komme ich gut zurecht. Ich soll insgesamt vier nehmen. Das vierte – Ketotifen – ist das Wundermittel, das tatsächlich vielen hilft. Dies wird zu meinem goldenen Gral. Doch der Weg dahin sehr schwer. „Ich vertrage es nicht!“, flüstere ich zweifelnd bei jedem neuen Mittel, weil die Symptome fortbestehen, um dann wieder zu verschwinden. Der Arzt hat Ideen. Ich warte auf den Durchbruch. Er bleibt aus. 

Als ich es wage meine kleine Tochter trotz bereits kumulierter Belastung an ihrem 2. Geburtstag zu mir zu holen, folgte daraufhin ein weiterer Absturz zwischen Leben und Tod. „Das war die emotionale Überlastung!“, ordnet der Arzt die Situation ein. „Wir versuchen es mit einem Antidepressivum, das antientzündlich wirkt.“ Er relativiert die Hoffnung darauf, hat aber noch viele weitere Ideen. Ich fühle mich in guten Händen. Aufgehoben. Unterstützt. Getragen.

Doch einige Zeit später rutsche ich wieder in tiefe Verzweiflung. Hannes ignoriert es oft. Es überfordert ihn. Doch diesmal nicht. „Was sagt Dr. B.?“, frage ich ihn. „Er meldet sich nicht!“, flüstert Hannes. „Du bist nicht drangeblieben!“, werfe ich ihm vor. Mir wird heiß, mein Herz schlägt mir bis zum Hals. „Doch ich habe alles versucht, auf die Mailbox gesprochen, E-Mails geschrieben, ihn mehrfach angerufen, ohne dass er angenommen hat“. – „Er ist bestimmt im Urlaub!“ „Bestimmt!“, beruhigt Hannes mich.  „Wie lange schon?“, frage ich vorsichtig und voller Hoffnung. „Ein halbes Jahr!“ 

Ich falle, tiefer und tiefer. Er ist der einzige unserer Ärzte, der sich mit ME/CFS auskennt. Wenn er mich jetzt aufgegeben hat, habe ich keine Hoffnungen mehr. Ich spüre einen großen Kloß im Hals. Ich weiß nur noch: Ich werde sterben. Mir kann niemand helfen. 

Tatsächlich wird Herr Dr. B. nicht mehr erreichbar sein. Und ich ohne Antwort bleiben. 

Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Name und persönliche Details verändert. 

Habt ihr ähnliche Enttäuschungen erlebt? Seid ihr schon einmal geghostet worden? Wie seid ihr damit umgegangen?

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