
Ich schleppe mich durch die belebte Innenstadt zu Ludwigs Praxis. Mit meinem Teddy-Mantel und Sonnenbrille wegen der neuen Reizempfindlichkeit. Im Februar. Hannes im Schlepptau. Zwischendurch muss ich mich immer wieder hinlegen, auf den Boden, auf Parkbänke. Ich spüre die Blicke der PassantInnen. Ich spüre, jetzt bin ich nicht mehr die Psychotherapeutin, sondern die Kranke.
Ludwig, den alle Ludo nennen ist unser Hausarzt und unser Freund. Ich habe trotzdem Angst nicht ernst genommen zu werden. Deshalb ist Hannes dabei. „Ich bin absolut neben der Spur“, warne ich Ludo vor. So habe ich mich ihm noch nie gezeigt. Tränenüberströmt lege ich mich schließlich auf seine Liege in seinem Behandlungszimmer. Stehen oder Sitzen ist nicht mehr möglich.
„Ich habe den Schellongtest gemacht und bin umgekippt!“, schluchze ich. [Anm. der Verf. Ein Kreislauftest- bei dem man vom Liegen ins Stehen wechselt.]
Die ernsthafte Stimmung, sein betretenes Schweigen zwischen den Worten, die wir wechseln, bestätigt meine Befürchtung. Später sehe ich es schwarz auf weiß auf einem Attest. G93.3. Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom.
„Es wird dir bald wieder besser gehen! Das hält nicht lange!“, tröstet mich Ludo. „Eine andere Patientin hatte das auch und kann jetzt wieder mit ihren Kindern spielen.“ Ich will es glauben, er hat oft Recht. Doch spüre ich, bei mir ist es anders.
„Weißt du noch, was ich dir über Pacing erzählt habe?“, fragt er. Ich nicke. Er druckt mir ein Attest aus. Zwei Wochen krankgeschrieben. Hannes auch.
Später wird er mir bei einem Hausbesuch erzählen, dass ich seine kränkste Patientin bin. Es geht mir nicht bald wieder besser. Wir beten zusammen, diskutieren über Behandlungsansätze. Ich spüre seine Überforderung. Und meine.
Er hat einen Plan. Einen wackeligen Plan. Cortison. Vielleicht doch Klinik? „Geht nicht!“, erkläre ich ihm erneut mit zittriger Stimme. Ich liege inzwischen im Dunkeln mit Geräuschschutz. Werde inzwischen gewickelt, um Energie zu sparen und weitere Abstürze zu vermeiden. Wie soll ein Krankenhaus das gewährleisten?
Hannes überzeugt ihn von einer Antibiotika-Behandlung. Wegen der vermuteten chronischen Borreliose. Ich bin hin- und hergerissen. Zu viele erfolglose Antibiosen in der Vergangenheit. Aber es ist ein Plan. Trial and Error. Aber manchmal ist das besser als Stillstand.
Heute ist mir klar, dass die Behandlung von ME/CFS immer Trial and Error ist. Dass es dafür keine zielgerichteten Behandlungsansätze gibt. Dass man einem ständigen Russisch-Roulette-Spiel ausgesetzt ist, weil jede Behandlung auch zur Verschlechterung führen kann.
Zur Wahrung der Privatsphäre wurden Namen und persönliche Details verändert.
Vielleicht kennst du die Hoffnung auf den nächsten Plan und die gleichzeitige Angst vorm Scheitern? Ich freue mich über deinen Kommentar ganz unten! 👇🏼
✨ Unterstütze meine Arbeit
Meine Texte entstehen unter besonderen Umständen – im Liegen, mit sehr begrenzter Kraft. Wenn sie dir etwas bedeuten oder dir neue Perspektiven geben, freue ich mich über eine kleine Unterstützung.